Redaktion
Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt, deine Geschichte aufzuschreiben?
Denny
Nach meiner Entgiftung war etwas Zeit vergangen und mein Kopf wurde langsam wieder klar. Zum ersten Mal war ich überhaupt in der Lage, ehrlich auf mein Leben zurückzublicken. Es entstand der Wunsch zu verstehen, wie alles begonnen hat, welche Zusammenhänge es gab und warum der Alkohol für mich so wichtig geworden war. Dieses Buch ist deshalb auch ein Versuch, mich selbst besser zu verstehen. Ich wollte aus meiner Vergangenheit lernen, um dauerhaft abstinent leben zu können.
Redaktion
War das Buch von Anfang an als Reise zu dir selbst gedacht?
Denny
Nein, überhaupt nicht. Am Anfang hatte ich einfach unglaublich viele Gedanken im Kopf. Erinnerungen, Gefühle und Fragen, die ich erst einmal für mich sortieren musste. Während des Schreibens entstand dann nach und nach die Struktur, die das Buch heute hat. Rückblickend war das Schreiben tatsächlich eine Reise zu mir selbst.
Redaktion
Gab es Momente, in denen du bestimmte Erlebnisse lieber weglassen wolltest?
Denny
Nein, diesen Gedanken hatte ich nie. Das lag wahrscheinlich auch daran, dass das Buch anfangs gar nicht für andere Menschen gedacht war. Ich habe einfach für mich geschrieben. Erst später entstand die Idee, daraus tatsächlich ein Buch zu machen und es zu veröffentlichen.
Redaktion
Hattest du Sorge davor, wie deine Familie das Buch aufnehmen wird?
Denny
Während ich das Buch geschrieben habe, habe ich sehr viel mit meiner Familie gesprochen. Ich wollte verstehen, wie sie diese Zeit erlebt haben und wie es ihnen damals ging. Bevor ich mich entschieden habe, das Buch zu veröffentlichen, haben meine Eltern, meine Schwester und die Menschen, die im Buch vorkommen, es gelesen. Ich habe jeden Einzelnen gefragt, ob er mit der Veröffentlichung einverstanden ist.
Redaktion
Was möchtest du den Leserinnen und Lesern über Sucht mitgeben?
Denny
Ich glaube, dass Sucht sehr viele Gesichter haben kann. Es gibt nicht den einen Auslöser oder den einen typischen Weg in die Abhängigkeit. Oft sind es viele kleine Erlebnisse, Gefühle und Veränderungen, die sich über Jahre hinweg summieren. Mit meinem Buch möchte ich zeigen, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen – bei sich selbst, aber auch bei anderen.
Redaktion
Was bedeutet Freiheit heute für dich?
Denny
Früher bedeutete Freiheit für mich, genügend Alkohol zu Hause zu haben und allein zu sein. Solange ich wusste, dass ich jederzeit trinken konnte, fühlte ich mich sicher. Heute weiß ich, dass das keine Freiheit war, sondern Gefangenschaft. Heute bedeutet Freiheit für mich genau das Gegenteil: Ich muss keinen Alkohol mehr trinken. Wenn ich spontan etwas unternehmen möchte, kann ich das einfach tun, ohne darüber nachzudenken, wann ich trinken kann oder wie ich meinen Alkoholkonsum heimlich organisieren muss.
Redaktion
Welchen Gedanken sollen Leserinnen und Leser aus deinem Buch mitnehmen?
Denny
Viele Leser haben mir erzählt, dass sie beim Lesen geweint haben oder das Buch sie sehr bewegt hat. Das war nie mein Ziel. Ich möchte die Menschen nicht traurig machen. Wenn das Buch am Ende dazu führt, dass jemand etwas achtsamer mit sich selbst oder mit anderen umgeht, dann habe ich schon viel erreicht. Die meisten Leser haben in ihrem Leben bereits Berührungspunkte mit Alkohol oder Sucht gehabt – sei es in der eigenen Familie, im Freundeskreis oder bei sich selbst.
Redaktion
Was würdest du Menschen sagen, die noch mitten in ihrer Sucht stecken?
Denny
Ich möchte jedem sagen: Es lohnt sich immer, mit dem Trinken aufzuhören. Und wenn es beim ersten Mal nicht klappt, dann lohnt es sich trotzdem, es wieder zu versuchen. Ich habe selbst lange geglaubt, dass ich nie wieder ein normales Leben führen kann. Ich dachte, das Zittern würde nie verschwinden und ich müsste den Rest meines Lebens irgendwie nur noch überstehen. Aber ich durfte erleben, dass es anders sein kann.
Redaktion
Warum hast du dich für den Titel „Alkohol – mal ehrlich?!“ entschieden?
Denny
Ich habe lange über verschiedene Titel nachgedacht. Es gab einige Ideen, aber am Ende hat sich „Alkohol – mal ehrlich?!“ einfach richtig angefühlt. Der Titel bringt für mich den Kern des Buches auf den Punkt. Es geht um Alkohol – aber vor allem um Ehrlichkeit. Ehrlichkeit gegenüber mir selbst, gegenüber meiner Vergangenheit und gegenüber den Menschen, die dieses Buch lesen.
Redaktion
Wenn wir dieses Interview in fünf Jahren noch einmal führen würden – was würdest du dir wünschen, dann sagen zu können?
Denny
Ich wünsche mir, dass ich auch in fünf Jahren noch sagen kann, dass ich abstinent lebe. Das ist für mich das Wichtigste. Und ich hoffe, dass meine Geschichte bis dahin vielleicht dem einen oder anderen Menschen geholfen hat – ganz gleich, in welcher Form. Vielleicht findet jemand den Mut, sich Hilfe zu suchen. Vielleicht versteht ein Angehöriger einen suchtkranken Menschen etwas besser. Oder jemand fühlt sich mit seinen eigenen Gedanken einfach nicht mehr allein.