Sucht verstehen und Hilfe finden

Manchmal beginnt es nicht mit einem Absturz, sondern mit kleinen Verschiebungen im Alltag, die sich erst harmlos anfühlen und dann irgendwann zur Gewohnheit werden, bis man merkt, dass man nicht mehr frei entscheidet, sondern reagiert.
Diese Seite ist für dich, wenn du Sucht besser verstehen willst, wenn du bei dir selbst Warnzeichen wahrnimmst, wenn du dir Sorgen um einen Menschen machst, oder wenn du einfach einen ersten Überblick suchst, ohne dich sofort erklären zu müssen.Ü

Wenn du meine Geschichte kennst, weißt du, dass „Alkohol – mal ehrlich?!“ genau aus diesem Punkt heraus entstanden ist: aus dem Moment, in dem ich gemerkt habe, dass Schweigen und Durchhalten mich nicht retten, sondern nur länger festhalten.
Zum Buch „Alkohol – mal ehrlich?!“

Was ist Sucht?

Sucht ist mehr als „zu viel konsumieren“, weil es im Kern häufig darum geht, dass ein Mittel oder ein Verhalten eine Funktion übernimmt, die sich kurzfristig wie Entlastung anfühlt, während es langfristig immer mehr Kontrolle bekommt.
Bei einer Abhängigkeit geht es typischerweise um Muster wie starkes Verlangen, Kontrollverlust, Toleranzentwicklung, das Vernachlässigen anderer Lebensbereiche und das Weitermachen trotz spürbarer negativer Folgen, und genau diese Mischung sorgt dafür, dass sich Betroffene oft gleichzeitig schämen, kämpfen, rechtfertigen und hoffen.

Sucht ist dabei nicht nur eine Frage der Substanz, sondern oft auch eine Frage der inneren Regulation: Stress, Schlaf, Angst, Einsamkeit, Druck oder Überforderung werden kurzfristig „gelöst“, und weil das im ersten Moment funktioniert, wird der Griff zur Gewohnheit, die irgendwann nicht mehr frei gewählt ist.

Woran erkenne ich, dass es kritisch wird?

Wenn du dich in mehreren Punkten wiedererkennst, ist das kein Urteil über dich, sondern ein Hinweis, dass Unterstützung sinnvoll sein kann, bevor die Situation noch mehr Kraft frisst:

  • Du konsumierst nicht mehr hauptsächlich aus Genuss, sondern um Gefühle zu dämpfen, runterzukommen, schlafen zu können oder überhaupt „zu funktionieren“.
  • Du setzt dir Grenzen („nur heute“, „nur zwei“, „nur am Wochenende“) und merkst, dass diese Grenzen regelmäßig verrutschen, auch wenn du es dir anders vorgenommen hast.
  • Das Thema nimmt auffallend viel Raum im Kopf ein, weil du planst, rechtfertigst, verheimlichst oder dich im Nachhinein schämst.
  • Beziehungen, Alltag, Arbeit, Gesundheit oder Finanzen leiden, aber der Konsum bleibt trotzdem ein fester Bestandteil.
  • Du merkst, dass „ich hab’s im Griff“ sich eher wie ein Satz anfühlt, den du brauchst, als wie eine Wahrheit, die du wirklich spürst.

Wenn dich das trifft, dann ist das Entscheidende nicht, ob du „schlimm genug“ bist, sondern ob du gerade leidest, und Leiden ist Grund genug, dir Hilfe zu holen.

Warum es so schwer ist, „einfach aufzuhören“

Viele Menschen unterschätzen, wie sehr Sucht mit Scham und Selbstbild arbeitet, weil Betroffene nach außen oft noch funktionieren und deshalb innerlich glauben, sie dürften sich keine Hilfe erlauben.
Hinzu kommt, dass der Konsum häufig nicht nur Schaden verursacht, sondern gleichzeitig kurzfristig Erleichterung bringt, und genau diese Doppelrolle macht den Ausstieg so zäh: Man verliert etwas, das sich wie eine Lösung anfühlt, auch wenn es längst ein Problem geworden ist.

Welche Hilfe gibt es?

1) Suchtberatung

Suchtberatungsstellen sind für viele der beste Einstieg, weil du dort nicht „fertig“ sein musst, sondern gemeinsam sortierst, was überhaupt los ist, welche Schritte realistisch sind und welche Angebote wirklich passen, ohne dass du dich sofort festlegen musst.

2) Ärztliche Begleitung

Wenn körperliche Abhängigkeit im Spiel ist oder du Angst vor Entzugssymptomen hast, ist medizinische Begleitung wichtig, weil Sicherheit Vorrang hat, und weil ein unbegleiteter Entzug je nach Situation riskant sein kann.

3) Therapie, Entgiftung, Reha

Manche Wege sind ambulant möglich, andere brauchen stationäre Schritte, und oft ist es keine „Entweder-oder“-Entscheidung, sondern eine sinnvolle Reihenfolge, bei der man gemeinsam einen Plan baut, statt alles allein zu tragen.

4) Selbsthilfegruppen

Selbsthilfe wirkt häufig deshalb so stark, weil sie Verbindung herstellt, wo vorher Isolation war, und weil sie Strukturen schafft, wo vorher Chaos war, und du dort Menschen triffst, die nicht bewerten, sondern verstehen, weil sie das Thema kennen.

„Alkohol – mal ehrlich?!“ und unser Verein

Ich habe „Alkohol – mal ehrlich?!“ geschrieben, weil ich weiß, wie einsam Sucht sich anfühlt, selbst wenn man nicht alleine ist, und weil ich erlebt habe, dass Veränderung oft nicht mit dem großen Mut beginnt, sondern mit einem kleinen, ehrlichen Satz: „Ich brauche Hilfe.“
Und genau aus diesem Gedanken heraus gibt es auch unseren Verein Suchthilfe im Georgenhof e.V. mit den Gruppen Leitplanke (für Betroffene) und Lichtblick (für Angehörige), weil Sucht fast nie nur eine Person betrifft, sondern Beziehungen, Familien und Freundschaften mitprägt, und weil es Orte braucht, an denen man reden darf, ohne sich klein machen zu müssen.


Wenn du Kontakt suchst, Fragen hast oder einfach erst mal zuhören möchtest, dann melde dich bei uns oder komm zu einem Treffen, und wenn du heute noch nicht reden kannst, ist das okay, weil manchmal der wichtigste Schritt ist, überhaupt erst mal da zu sein.
Zum Verein Suchthilfe im Georgenhof e.V.

Für Angehörige: Hilfe ist auch für dich

Angehörige geraten schnell in einen Kreislauf aus Hoffen, Kontrollieren, Retten, Streiten und Nachgeben, und oft bleibt dabei das eigene Leben auf der Strecke, obwohl genau das die Stabilität wäre, die man eigentlich bräuchte.
Unterstützung für Angehörige ist kein Egoismus, sondern Selbstschutz, und manchmal ist sie der erste Schritt, damit überhaupt wieder Grenzen möglich werden.

Wann ist Alkohol „nur Gewohnheit“ und wann ist es Sucht?

Kritisch wird es meist dann, wenn Alkohol nicht mehr nur Begleitung ist, sondern Funktion übernimmt, also Gefühle regulieren, Schlaf erzwingen oder Stress betäuben soll, und wenn Grenzen regelmäßig nicht mehr gehalten werden.

Ich funktioniere noch – kann ich trotzdem betroffen sein?

Ja, viele Betroffene funktionieren lange nach außen, während innerlich längst Kontrollverlust, Scham und Angst zunehmen, und genau deshalb lohnt sich frühe Hilfe, bevor die Folgen größer werden.

Was ist der beste erste Schritt, wenn ich unsicher bin?

Ein Gespräch, das dich nicht überfordert, ist oft der beste Start, zum Beispiel eine Suchtberatung, ein Arzttermin oder der Besuch einer Selbsthilfegruppe, bei dem du erst mal nur zuhörst.

Kann ich auch als Angehöriger zu euch kommen?

Ja, dafür gibt es bei uns Lichtblick, weil Angehörige eigenen Raum brauchen, um zu verstehen, zu sortieren und wieder stabil zu werden.

Diese Seite ersetzt keine medizinische Diagnose oder Behandlung, sondern soll Orientierung geben und den Einstieg erleichtern, damit du passende Hilfewege schneller findest.

Denny Brandes, 04.01.2026